KRY
DocMorris

„Ein guter Arzt ist ein guter Arzt, analog oder digital.“

Was andere europäische Länder schon seit Jahren vormachen, ist seit 2018 gesetzlich auch in Deutschland möglich: Telemedizin, also eine ärztliche Behandlung per Videosprechstunde. Viele Gesundheitspolitiker und Fachleute setzen große Hoffnungen in das Verfahren, das Arzt und Patient trotz räumlicher Distanz zusammenbringt. Das Unternehmen KRY betreibt seine Telemedizin-App schon seit 5 Jahren in Schweden und hat sein Angebot mittlerweile auf Norwegen, Großbritannien Frankreich und vor Kurzem auch auf Deutschland ausgedehnt.

Seit Dezember 2019 kooperiert KRY mit DocMorris. Für unseren Blog haben wir mit Dr. Monika Gratzke gesprochen, der medizinischen Direktorin von KRY.

Frau Dr. Gratzke, die meisten unserer Leser haben vermutlich noch nie an einer telemedizinischen Sprechstunde teilgenommen. Können Sie uns einmal erklären, wie das bei KRY abläuft?

Es ist recht einfach: Der Patient installiert die KRY App auf seinem Tablet oder Smartphone. Danach legt er  in der App sein Profil an und wird anschließend durch einen Fragenkatalog geführt, den er beantwortet: hier geht es zum Beispiel um Vorerkrankungen, Allergien usw. Ähnlich wie in der Praxis vor Ort, wenn Sie das erste Mal einen Arzt aufsuchen und einen Fragenbogen ausfüllen. In unserer App werden dann auch die akuten Beschwerden und Symptome abgefragt. Das passiert bei uns ebenfalls mittels eines strukturierten Fragebogens. Zeigt sich dabei, dass eine telemedizinische Behandlung sinnvoll sein könnte, kann der Patient einen Termin bei einem unserer Ärzte beantragen. Der Arzt ruft kurze Zeit später oder zu einem vereinbarten Termin zurück und dann findet per Videotelefonie ein Arzt-Patienten-Gespräch statt, das ganz ähnlich abläuft wie bei einem Besuch in der Praxis vor Ort.

Und wie untersucht der Arzt den Patienten? Geht das denn überhaupt am Smartphone?

Das ist eine ganz wichtige Frage, auf die ich eine ganz klare Antwort geben kann: Ja, es geht, aber nur in bestimmten Fällen. Wenn ein Patient zum Beispiel über Halsschmerzen klagt, dann würde unser Arzt den Patienten bitten, mit einem Löffel seine Zunge runterzudrücken – so wie es der Arzt in der Praxis mit den Holzstäbchen macht – und den Mund nah an die Kamera zu bringen und „AAAA“ zu sagen. Auf diese Weise kann man auch per Kamera den Mund- und Rachenraum sehr gut inspizieren und zum Beispiel eine Mandelentzündung in den meisten Fällen gut erkennen. Weitere diagnostische Mittel wie zum Beispiel eine Abstrich mit Laboruntersuchung werden in der Praxis bei Mandelentzündung nur in seltenen Fällen angewendet. Würde ein KRY-Arzt sie für notwendig erachten, würde er den Patienten an eine Kollegen vor Ort verweisen. Anders wäre es bei einem Patient mit Ohrenschmerzen, dieser würde schon sehr früh bei der Erfassung seiner Symptome in der App darauf hingewiesen, dass eine telemedizinischen Behandlung für seinen Fall ungeeignet ist. Denn in die Ohren schauen kann man nur mithilfe spezieller Instrumente. So einem Patienten wird der Rat erteilt, sich an einen Arzt vor Ort zu wenden. Es gibt auch Erkrankungen, zum Beispiel die sehr häufigen Magen-Darm-Infekte, bei denen für die Diagnose die Beschreibung der Symptome durch den Patienten ausschlaggebend ist. Das geht per Video genauso wie vor Ort. Wenn die Diagnose steht, kann der Arzt, so erforderlich, ein Privatrezept und eine Krankschreibung ausstellen. Der Patient empfängt das Dokument dann in der App.

Wo sehen Sie die Vorteile der Telemedizin gegenüber der Behandlung vor Ort?

Bevor ich Ihre Frage beantworte, möchte ich eins klarstellen: Telemedizin wird den Arzt vor Ort nie ersetzen. Nach unserer Auffassung ist Telemedizin ein ergänzenden Baustein in der medizinischen Versorgung. Aber als Ergänzung hat sie ganz klar ihre Berechtigung. Unsere Ärzte sind überregional verfügbar – ein großer Vorteil in Zeiten, in denen mancherorts Ärztemangel herrscht. Außerdem sind unsere Ärzte auch dann zu sprechen, wenn die Arztpraxen geschlossen haben, zum Beispiel an Feiertagen oder am Abend. Denn KRY hat Montag bis Freitag von 7 bis 22 Uhr und an Wochenende und an Feiertage von 8 bis 20 Uhr geöffnet. Zudem gibt es bei uns keine langen Wartezeiten, die Termine sind meist schnell verfügbar. Das macht unser Angebot zum Beispiel für Berufstätige attraktiv. Gerade bei dieser Gruppe kommt die Gesundheit schon mal zu kurz, weil die alltäglichen Verpflichtungen dem Arztbesuch im Wege stehen. Außerdem bietet Telemedizin noch einen Vorteil: Weil der direkte Kontakt fehlt, besteht auch keine Ansteckungsgefahr für den Arzt und für den Patienten. Wie wichtig das sein kann, müssen wir ja leider derzeit schmerzlich erfahren.

Welche Qualifizierung benötigen Ärzte, um Behandlungen per Video anbieten zu können?

Zunächst einmal müssen sie ganz einfach qualifizierte, gute, erfahrene Ärzte sein. Das ist es, was einen Arzt ausmacht, analog oder digital. Unsere Ärzte sind allesamt hierzulande approbierte Fachärzte mit mindestens 5-jähriger Berufserfahrung und in der Regel neben Ihrer Arbeit für KRY unmittelbar am Patienten tätig – auch vor Ort! Darüber hinaus werden Sie von uns intensiv in der Ausübung der Telemedizin geschult. Dabei spielt auch der Kontakt mit ihren internationale Kollegen eine große Rolle. Derzeit arbeiten für uns rund 600 Ärzte. Die Kollegen in Schweden, wo KRY gegründet wurde, blicken teils bereits auf 5 Jahre lange Erfahrung in der Telemedizin zurück und teilen dies mit ihren Kollegen. Unsere Ärzte erarbeiten aus ihrer Praxis heraus Standards für die Telemedizin. Dabei geht es insbesondere um die Frage, welche Behandlungen qualitativ anspruchsvoll geleistet werden können und wo die Grenzen erreicht sind, an der an einen Kollegen vor Ort übergeben werden muss.

Sind deutsche Ärzte an der Telemedizin interessiert?

Das Interesse an digitalen Vorsorgekonzepten wächst auch unter Ärzten täglich weiter und die Zahl der Mediziner, die Video-Sprechstunden in ihr Behandlungsangebot integrieren wollen, steigt zunehmend. Sobald die Kollegen sehen, wie eine solche Video-Sprechstunde abläuft und dass ein echter Kontakt zwischen dem Arzt und dem Patienten stattfindet, sind sie überzeugt. Ich rate allen Unentschlossenen, es einfach einmal zu sehen bzw. auszuprobieren – der Mehrwert für sowohl den Arzt als auch den Patienten wird schnell ersichtlich. Unsere App bietet dem Arzt zudem den Vorteil, dass sie einen Teil des „Papierkrams“, den sonst das Praxispersonal erledigen muss, gleich mit erledigt. So bleibt mehr Zeit für das, worum es eigentlich geht, nämlich den Patienten.

Wie ist der aktuelle Stand der Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesens und wie bewerten Sie diesen?

Dank der Änderungen der Gesetzeslage hat Deutschland im telemedizinischen Bereich schon einen riesigen Schritt nach vorn gemacht. Deutschland ist nicht gerade Vorreiter, aber aktuell ergeben sich viele neue Wege. Von erwarteten Änderungen im Arzneimittelgesetz, um fälschungssichere Rezepte elektronisch auszustellen, bis hin zu neuen und verbesserten Versorgungskonzepten, die bundesweit angeboten werden können – die nächsten Jahre werden sehr spannend. Andere Länder sind da schon viel weiter. Wir bei KRY haben bereits maßgeblich dazu beigetragen, diese Entwicklungen in anderen europäischen Ländern voranzutreiben und freuen uns darauf, gemeinsam mit DocMorris den digitalen Wandel im Gesundheitswesen auch in Deutschland voranzubringen.

Frau Dr. Gratzke, wir danken Ihnen für das Interview.

 

Dr. Monika Gratzke ist Medizinische Direktorin bei KRY und ist sowohl für die Qualität der medizinischen Leistung als auch für strategische medizinische Projekte verantwortlich. Sie ist ausgebildete Fachärztin für Anästhesie, Intensivmedizinerin, Notärztin und Schmerztherapeutin mit langjähriger oberärztlichen Tätigkeit an der LMU München.