Körper und Seele

Das Sterben im Internet

Tina ist am Samstagmittag eingeschlafen und hat ihren Körper schließlich am Sonntagmorgen verlassen. In ihren letzten Tagen und Wochen war sie nie allein.

Als ich diesen Text vor einigen Tagen las, wurde ich leise und nachdenklich. Jeden Tag lese ich viele Blogbeiträge mit mal guten und mal weniger guten Nachrichten, Geschichten und Erlebnissen.  Mitunter sind viele traurige Beiträge dabei. Und es kommen immer wieder gute Tage. Für Tina nicht mehr.

Abgesehen von der traurigen Tatsache, dass hier ein großes Kämpferinnenherz aufgehört hat zu schlagen, gilt es auch den Freunden von Tina Dank zu sagen. Insbesondere dafür, dass sie diesen Blogpost geschrieben haben.

Und es lohnt einmal mehr das Nachdenken darüber, was mit unseren digitalen Hinterlassenschaften einst passieren wird. Bislang, so ist meine Vermutung, haben sich die wenigsten Menschen Gedanken darüber gemacht, was mit ihren Profilen und Einträgen nach ihrem Tod passieren soll.

Bereits im Mai lauschte ich während der Bloggerkonferenz re:publica in Berlin der Kommunikationswissenschaftlerin und Autorin Elisabeth Rank, die sich auf einem Panel Gedanken darüber gemacht hatte, wie wir im Internet mit dem Tod umgehen (Hier ist noch ein Handelsblatt-Interview mit ihr.).

Das ist der Aspekt des Trauerns, der sich im Netz in vielen Facetten ausdrücken kann. Etwa auf einem virtuellen Friedhof oder Gedenkseiten, von denen es mittlerweile einige gibt:  StraßederBesten, Gedenkseiten.de oder InFrieden.de. So etwas wie Unsterblichkeit geht auch: Auf stayalive.com.

Und dann gibt es die rechtlichen Dinge, zu denen etwa die Stiftung Warentest wichtige Tipps gibt und eine Checkliste veröffentlicht hat.

Birgit Aurelia Janetzky bestätigt mir, dass das Thema Tod noch für viele Menschen keines ist: „Nur in etwa 20 Prozent,  so wird vermutet, aller Sterbefälle gibt es überhaupt ein Testament, ein geringer Teil davon ist juristisch gültig. Eine digitale Vorsorge haben bisher nur sehr, sehr wenige Menschen“. Die Theologin, die seit vielen Jahren als Trauerrednerin arbeitet, war eine der ersten, die das Thema „Tod und Internet“ erkannt hat. „Seither war ich in nahezu allen Medien zu diesem Thema vertreten“, berichtet sie.

„Bewusstsein für den Tod noch nicht vorhanden“

„Bisher ist das Bewusstsein für den Tod bei vielen jüngeren Menschen, die das Internet nutzen, noch nicht da“, erklärt Birgit Aurelia Janetzky. Und viele Plattform-Anbieter haben das Thema auch noch nicht auf dem Zettel. Der Bundesverband der Verbraucherzentralen berichtete jüngst  von 19 Plattform-Anbietern, die teilweise nur schwierig, zuweilen sogar gar nicht, eine Löschung des Profils vorsehen.

Mittlerweile bietet Google einen „Inaktivitätsmanager“ an, wie mir Pressesprecher Stefan Keuchel die Nachfrage bestätigt. Man kann eine Frist einstellen. Wenn diese Zeit nahezu um ist, meldet sich Google noch ein Mal per SMS oder E-Mail. Bis zu zehn Personen können angegeben werden, die im Fall der Inaktivität benachrichtigt werden sollen. Wer will, kann im Fall der Inaktivität alle vorhandenen Daten automatisch löschen lassen.

Facebook reagiert beim Tod eines Mitglieds gegen Vorlage der Sterbeurkunde. Es gibt auch einen Gedenkstatus, wenn gewünscht. „Schwierig wird es oft, wenn viele Personen mit dem gleichen Namen auf der Plattform vertreten sind“, berichtet Janetzky aus eigener Erfahrung.  Schwierig war für sie auch, nach dem Suizid einer jungen Frau ihr Profil von annähernd 30 Model-Plattformen zu entfernen.

Dienstleister für Account-Löschung

Bisher gibt es in Deutschland nur einige wenige professionelle Anbieter, die sich mit dem digitalen Nachlass professionell auseinandersetzen. Dabei geht es in erster Linie erst mal zumeist um das Geld. Wurden Abos abgeschlossen, Käufe getätigt, oder gibt es noch irgendwo Online-Guthaben?

Birgit Aurelia Janetzky bietet dies mit ihrem Unternehmen Semno schon seit einigen Jahren an. Kein großes Geschäft, wie sie berichtet, weil die entsprechende Nachfrage noch immer sehr gering ist. Ab und an klärt sie Fälle. In erster Linie ist sie als Beraterin und in Sachen Fortbildung unterwegs.

Erst vor wenigen Wochen  gestartet ist „Columba“. Das Unternehmen präsentiert erstmals eine Software zur Regelung des digitalen Nachlasses, welche bei Bestattern implementiert wird. Die Bestatter können  damit die Ermittlung des digitalen Erbes den jeweiligen Hinterbliebenen anbieten. Dafür möchte man  eng mit den  großen Anbietern und Versandhändlern des Internets zusammen arbeiten.

„Die Nachfrage nach solchen Dienstleistungen ist bisher sehr gering“, erklärt mir Angela Elsner, geprüfte Bestatterin beim Concordia-Bestattungsinstitut in Schwäbisch Gmünd. „Vermutlich wird dies erst in einigen Jahren wesentlich häufiger nachgefragt“. Die Begründung dafür ist, wie alle anderen Gesprächspartner auch meinen, dass die alten Menschen bisher keine Berührung mit dem Internet hatten oder haben. „Das wird sich in den nächsten Jahren aber schon noch entwickeln“, ist sich Elsner sehr sicher.